Feuerwehren sind Antwortmodelle, nicht Produktionsmodelle

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(uw) Im englischen Original von Eric Saylors, übersetzt von Gastautor Detlef Maushake.

Feuerwehren sind Antwortmodelle, nicht Produktionsmodelle
Deine Aufgabe ist es nicht, die Effizienz zu maximieren; Deine Aufgabe ist es Belastbar zu sein. Effizienz führt zu Zerbrechlichkeit; Belastbarkeit führt zum Überleben.

Feuer in einer Raffinerie: ein seltener Einsatz, der ein belastbares Antwortmodell erfordert
Foto: puplic use – Eric Saylors

Die Metapher
Stell Dir vor, Dein Hausarzt schlägt die Ausrottung Deiner weißen Blutkörperchen vor, weil Du ein ganzes Jahr nicht krank warst. Diese Logik ist angemessen, wenn der Arzt die Produktion Deiner weißen zu den roten Blutkörperchen vergleicht welche bei 98% Kapazität liegen wenn man die Sauerstoffsättigung betrachtet.
Deine weißen Blutkörperchen haben jedoch im letzten Jahr nur minimal gearbeitet, wenn man die zur Krankheitsbekämpfung genutzte Zeit betrachtet. Das Ergebnis ist dass Deine roten Blutkörperchen bei voller Effizienz liegen sind die weißen eine Verschwendung von „Überkapazität“.
Die Klugheit diktiert dass die weißen Blutkörperchen eliminiert werden müssen, um effektivere rote Blutkörperchen zu bekommen.
Glücklicherweise, für das Überleben aller Menschen, ist die Logik des Doktors mehr als fehlerhaft. Offensichtlich sind rote und weiße Blutkörperchen nicht gleich; das eine ist ein Produktionsmodell, das andere ein Antwortmodell und Antwortmodelle können nicht als Produktionsmodelle gemessen werden.
Es werden jedoch häufig Messwerte für Produktionsmodelle auf Antwortmodelle angewendet wie z.B. bei der Feuerwehr. Betrachtet man den IBM Bericht über die Feuerwehr von San Jose aus dem Jahr 2012 ergibt sich dass sich die Zahl der Brände seit 1999 um 45% reduziert hat, was zu einem „signifikanten Level von Überkapazität“ geführt hat. Der Bericht schließt mit dem Ergebnis dass die Effizienz der Feuerwehr durch eine Reduktion der Besatzungen und der Feuerwachen gesteigert werden kann.

“Überkapazität” der Löschfahrzeuge vom 2012 IBM Report “City of San Jose Operations Efficiency Diagnostics” Seite 73
Grafik: puplic use – Eric Saylors

Dieses Argument deckt sich mit dem des Doktors, der Überkapazität der weißen Blutkörperchen feststellt weil Sie sich in letzter Zeit keine Erkältung eingefangen haben.
Aber Feuerwehren und weiße Blutkörperchen sind Antwortmodelle und wir können ihre „Kapazität“ nicht mit den traditionellen Meßwerten der Produktion wie z.B. Effizienz ermitteln.

Effizienz
Die Definition der “technischen Effizienz” ist “Funktionieren oder Ausführen auf der bestmöglichen Weise mit dem geringsten Verlust an Zeit und Einsatz.”.
In anderen Worten, Effizienz maximiert die Ausgabe aus einem System bei minimalem Einsatz (maximale Produktivität = max. Ausgabe/min. Einsatz). Am Beispiel eines Autos heisst das die “technische Effizienz” ist l/100km. Simpel gesagt die Ausgabe des Fahrzeuges in Kilometer in Bezug auf den Einsatz an Treibstoff.
Messung von Effizienz
Die Definition der Effizienz stellt für die Feuerwehr sofort ein Problem dar, wenn man die Gleichung der maximalen Ausgabe gegenüber dem Einsatz betrachtet. Der Einsatz ist leicht zu quantifizieren, das Jahresbudget. Aber wie wird die Ausgabe oder Leistung quantifiziert? Gerettete Leben? Geretteter Besitz? Abgewickelte Katastrophen?
Es gibt tatsächlich eine validierte Methode, um die herausfordernde Aufgabe der Leistung einer Feuerwehr zu quantifizieren; unglücklicherweise nutzen nur die fortschrittlichsten Feuerwehren diese Methode. Die meisten Feuerwehren fokussieren die Verminderung des Einsatzes durch Kürzung des Budgets.
Das einfache Vermindern des Einsatzes vergrößert nicht die Effizienz
Wenn man in einem System nur den Einsatz vermindert, ohne die Leistung zu betrachten kann dies zu einer Verminderung der Effizienz führen. Betrachten wir nochmal das Auto. Dir wird ein Fahrzeug mit einem Verbrauch von 200l/Monat angeboten und Du protestierst, dass dies nicht effizient genug ist. Du bist zufrieden, wenn wir die Einstellungen verändern und das Fahrzeug nur noch 50l/Monat verbraucht.
Ich hoffe nicht, denn wir haben einen wichtigen Faktor der Rechnung außer Acht gelassen, die Ausgabe. Wieviele km fährt das Auto jeden Monat? Was, wenn das Fahrzeug mit den 200l/Monat 2000km fährt aber das Fahrzeug mit den 50l/Monat nur 100km fährt.
Wenn man nur den Einsatz vermindert, ohne die Ausgabe zu betrachten vermindert man die Effizienz.
Während die Messung der Effizienz im Bereich der Feuerwehr eine große Herausforderung darstellt, vermehrt die Maximierung der Effizienz etwas viel unheimlicheres. Zerbrechlichkeit.
Effizienzsteigerung vermehrt die Zerbrechlichkeit.
Effiziente Systeme sind nicht auf Robustheit oder Redundanz ausgerichtet sondern vielmehr auf geringen Einsatz bei hohem Profit und Optimierung.
Alle Systeme, die bis zur Grenze belastet sind, werden zerbrechlich. Der Wissenschaftler Ted Lewis sagt dazu „durch die Beseitigung von Kapazitäten zur Abfederung von Überbelastungen im System entwickeln sich die optimierten Systeme in fragile, fehleranfällige Systeme. Wir haben die Profite der kurzzeitigen Effizienzsteigerung geerntet und leiden nun darunter.“ In anderen Worten gesagt bedeutet das, dass die effizienten Systeme auf unerwartete Belastungen und Schocks nicht ausreichend reagieren und wenn unerwartete Belastungen eintreten lösen sich effiziente Systeme auf wie ein Faden, die aus einem Pullover gezogen wird.
Stell dir ein Nagelplattenbinderdach vor; ein unglaublich effizientes System von Holz, Nagelplatten und Verbindern die mit minimalem Materialeinsatz den maximalen Effekt erbringen. Jedes Teil des Daches ist optimal auf die maximal mögliche Kraftaufnahme ausgerichtet. Aber Nagelplattenbinder sind zerbrechlich; wenn man ein Element entfernt und das ganze Dach stürzt wie ein Kartenhaus zusammen.

Der katastrophale Zusammenbruch eines Nagelplattenbinderdaches bei einem Feuer
Foto: puplic use – Eric Saylors

Im Vergleich dazu werden beim Zimmermannsdachstuhl schwere Balken und zusätzliches Material verwendet; mit dem Ergebnis dass sie gleich effektiv aber weniger effizient sind als Nagelplattenbinder. Diese Dächer sind jedoch viel belastbarer; Entferne ein tragendes Teil und die Last wird von nächsten Teil übernommen. Diese Dächer widerstehen einer viel höheren Fehlbelastung bevor sie versagen und das Versagen eines Einzelteiles führt nicht zum Versagen des gesamten Daches.
Die Wissenschaft hinter zerbrechlichen, optimierten Systemen
Im Jahr 1987 veröffentlichte der Physiker Per Bak “Das Sandhaufen Experiment“ eine Studie, welche die Zerbrechlichkeit von optimierten Systemen in der er die Theorie des „selbstorganiserten Kritikalität“ (engl. “self-organized criticality” oder “SOC”).
SOC beschreibt einen Prozess, bei dem ein System (sei es eine Stadt, ein Businessprozess, ein Software Programm oder ein Sandhaufen) wächst bis es einstürzt. Beim SOC wächst das System insgesamt wobei sich die kleineren Teile des Systems wie Sandkörner in einem Sandhaufen verschieben, um die zusätzliche Last aufzunehmen.
Die Sandkörner verschieben sich weiterhin bis zum Punkt der maximalen Kapazität und optimierter Effizienz; erreichen einen kritischen Zustand, bei dem jede weitere Belastung ein kaskadenartiges Zusammenbrechen des Gesamtsystems hervorruft.
SOC ist eine aktuelle Theorie, die benutzt wird, um den Zusammenbruch von Finanzmärkten, großflächige Stromausfälle, politische Umbrüche und der Ausbreitung von Feuer zu beschreiben.

Ein Feuer breitet sich in enger Bebauung von Gebäude zu Gebäude aus.
Foto: puplic use – Eric Saylors

Und genau wie die Sandhügel in Per Bak’s Experiment haben sich Städte in ihrer Größe unter Ausnutzung selbst des kleinesten Platzes für maximale Effizienz selbst organisiert

Städte sind optimierte Systeme, die den Regeln des SOC unterliegen und damit auch den kaskadenartigen Zusammenbrüchen durch z.B. Brände. Dies war intuitive bereits seit Jahrhunderten bekannt, Per Bak hat es nun mathematisch im Jahr 1987 bewiesen.
Foto: puplic use – Eric Saylors

Antwort- oder Hilfeleistungsmodelle müssen Unverwüstlich sein.
Effiziente, optimierte Systeme brechen durch unerwartete Belastungen zusammen. Unverwüstliche Systeme überlegen die Belastung, weil sie redundant sind und Reserven besitzen. Hilfeleistungsmodelle müssen unverwüstlich sein, um den Schock der das effiziente System überlasten zu überleben.
Wenn die effizienten Systeme kollabieren, verlassen sie sich auf ein belastbares Hilfeleistungsmodell um den Zusammenbruch zu überleben und die Schäden zu mildern. Daher ist die Aufgabe der Feuerwehr unverwüstlich und schnell zu sein, nicht notwendigerweise hocheffizient.
Der Wahn, die Feuerwehr zu maximaler Effizient hochzuzüchten behindert oder entfernt die Fähigkeit „Überspannungen“ abzufangen und macht die Feuerwehr zerbrechlich.

Die Feuerwehr ist ein Hilfeleistungsmodell, wie die weißen Blutkörperchen im menschlichen Körper und muß mit einem anderen Standard gemessen werden. Das rote Blutkörperchen ist ein Produktionsmodell, ständig an maximaler Kapazität, um den Sauerstofftransport im Körper zu gewährleisten wohingegen das weiße Blutkörperchen ein Hilfeleistungsmodell ist, das darauf wartet, den katastrophalen Angriff eines Virus zu bekämpfen. Ohne das weiße Blutkörperchen endet eine normale Erkältung schnell tödlich.
Kein Effizienzmodell zur Beurteilung der Bildung roter Blutkörperchen kann die Aufgaben der weißen Blutkörperchen erfüllen.
Es ist eine schwere Aufgabe, die Effizienz der Feuerwehr zu messen und die maximale Effizienz der Feuerwehr anzustreben wird kontraproduktiv sein. Wie das Zimmermannsdach muß die Feuerwehr dem Stress der Belastung durch eine optimierte Gesellschaft unverwüstlich gegenüberstehen.
Ich unterstütze hiermit nicht die verschwenderische Nutzung der öffentlichen Gelder; ich will die Nachhaltigkeit fördern. Verwenden Sie das Geld der öffentlichen Hand nicht für optimierte, zerbrechliche Systeme die beim ersten Schock zusammenbrechen. Investieren Sie in ein unverwüstliches, nachhaltiges System, das einsatzbereit ist, wenn die Einwohner es am dringendsten brauchen.

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